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   BRIGITTE HOFMANN | 13.01.2016

Gaildorf begrüßt mit der Berliner Künstlerin Gisela Wrede neue Stadtmalerin

Die Wohnung im Alten Schloss ist seit Montag bezogen und das Atelier auch schon in Beschlag genommen. Am Dienstag stellte sich Gisela Wrede, die 16. Stadtmalerin, im Gaildorfer Rathaus vor.

Sie fühle sich absolut wohl hier in Gaildorf, erklärte Gisela Wrede bei ihrem Antrittsbesuch im Gaildorfer Rathaus. Die weiten Räume ihres neuen Domizils im Alten Schloss, die handgemachten Möbel, die Atmosphäre - bei der Beschreibung geriet die neue Stadtmalerin beinahe ins Schwärmen.

Im Moment sei sie noch dabei, alles zu erkunden, sagte die Berlinerin, doch sie könne sich sehr gut vorstellen, in dieser inspirierenden Umgebung zu arbeiten. Bürgermeister Frank Zimmermann hieß sie gestern willkommen - und ließ gleich durchblicken, welche Erwartungen die Stadt mit dem Jahr ihrer Anwesenheit verknüpft. Dabei verwies er auf die Wände im Besprechungszimmer, die mit markanten Bildern ihrer Vorgängerinnen geschmückt sind und deren Motive einen Bezug zur Stadt herstellen. Der anstehende Pferdemarkt eigne sich bestens, riet er, um anschließend Ideen künstlerisch in die Tat umzusetzen.

Künstlerische Ausflüge hatte die neue Stadtmalerin in der Vergangenheit auch schon nach Frankreich und Belgien unternommen. Jetzt hat sie die Gelegenheit, sich im Süden der Republik künstlerisch auszuleben und ihr Talent unter Beweis zu stellen. Sie wird malen und zeichnen, großformatig und in Richtung neue Abstraktion. Landschaften, Orte, Räume, eben alles, was sie sieht und ihr so begegnet. Und sie könne sich vorstellen, mit einer Gruppe Interessierter in der Stadt unterwegs zu sein, um Ansichten zu zeichnen. Oder auch mit Schülern einen Workshop zu gestalten.

Diesbezüglich hatte Bürgermeister Zimmermann nämlich den Wunsch geäußert, sie möge nicht hinter verschlossenen Türen arbeiten, sondern auf die Bevölkerung zuzugehen und diese mit ins Boot nehmen. Er regte einen Tag der offenen Tür im Atelier an, und im Rathaus oder sonst wo in der Stadt sollte später einmal ein Bild oder Kunstobjekt an sie erinnern. Möglichkeiten zur Präsentation böten sich auch in der Kulturkneipe Häberlen oder im neuen Catering-Bereich des Alten Schlosses. Und nicht zuletzt sei die IG Kunst mit ihrer Galerie im Schloss sehr aktiv und zum Austausch bereit.

 

RICHARD FÄRBER | 15.02.2016

Tapetenwechsel als Experiment: Zu Besuch bei Gaildorfs neuer Stadtmalerin

Perspektivwechsel in Gaildorf: Die Berliner Künstlerin Gisela Wrede hat als 16. Gaildorfer Stadtmalerin Wohnung und Atelier im Alten Schloss bezogen. Für ein Jahr wird sie dort leben und arbeiten.

Man kann sich das mittlerweile prima merken. Seit 1997 gibt's das Gaildorfer Stadtmaler-Stipendium, weil's aber mit dem Wechsel nicht immer geklappt hat und Wohnung und Atelier im Alten Schloss auch mal verwaist standen, hat sich die Reihe mit der Jahreszahl synchronisiert.

Nun, im Jahr 2016, hat also die 16. Stadtmalerin das Schloss bezogen. Sie heißt Gisela Wrede, kommt aus Berlin und hat sich die Stadt der Schenken gut angeschaut, ehe sie sich entschied, ihre Bewerbung einzureichen. Ihr war, vereinfacht ausgedrückt, nach Luftveränderung: neue Umgebung, neue Leute, neue Impulse, Neugier. Dieses Jahr will sie auskosten - Eintauchen ins Unbekannte, sich treiben lassen, 24 Stunden am Tag zeichnen und malen - "es ist", sagt Gisela Wrede, "der Idealzustand". Auch: Ein Experiment, das sie verändern wird.

Abgesehen von einem Erasmus-Aufenthalt in Pau in Südfrankreich während ihres Studiums hat Gisela Wrede keine Erfahrung mit Stipendien, was sie von vielen ihrer Vorgänger im Alten Schloss unterscheidet. Und sie hat auch keine konkreten Pläne, als sie nach Gaildorf kommt. Unvorbereitet sein, das ist das Konzept. Kein Stadtplan, keine Bücher. Die neue Umgebung wird vor allem visuell erkundet: Farben, Formen, Komposition.

Erste Zeichnungen zeigen, was sie sah, als sie erstmals aus dem Fenster der Stadtmalerwohnung im Alten Schloss schaute. "Ich versetze mich in einen Zustand der Unschuld."

Es gibt bereits ein Morgenritual: Wandern ohne Plan, zeichnen, wie's kommt. So aber, wie Gisela Wrede die Stadt erkundet und in sich aufnimmt, so dringt die Stadt auch in ihren Kopf ein. Informationspartikel setzen sich fest, verknüpfen sich zur Irgendwie-Vorstellung, zu ersten schrägen Gaildorf-Fantasien, die durch den permanenten Abgleich mit Fakten und Erfahrungen täglich tatsächlicher werden.

Pianisten beim Boogie-Woogie live gezeichnet

Weil ihr Bild in der Zeitung war, wird Gisela Wrede auf der Straße angesprochen. Sie besucht den Stammtisch im Kaffeehaus am Schloss und versucht die Schoten zu verstehen, die da in einem ihr bisher unbekannten Dialekt auf sie einprasseln: witzig, surreal, vermutlich, sie grinst, auch schmutzig. Bei der Kulturschmiede im Häberlen hat sie den Boogie- Woogie-Pianisten Nico Brina erlebt und "live" gezeichnet. Und dann ist Pferdemarkt. Flutwelle. Gisela Wrede fragt sich, ob sie unauffällig-ungestört zeichnen kann im Trubel.

Die Stadtmaler wirken in Gaildorf - im Wortsinn. Sie prägen das Jahr. Und wie jede neue Idee hat auch die des Künstlers Diethelm Reichart, jährlich einen Kunstschaffenden in der Stadt zu beherbergen, zunächst für Unordnung gesorgt.

Der erste "schuf" gar nicht, sondern lud Künstlerfreunde ein zur Straßengalerie. Das "Bett", das damals plötzlich auf dem Marktplatz stand, ist bis heute legendär.

Weil der örtliche Kunstverein, die IG Kunst, sein Spielfeld, das Ausstellungswesen, okkupiert sah und etwas giftig reagierte, griff der damalige Bürgermeister Kurt Engel ein. Die Stadt übernahm das Stipendium, sorgte für Ordnung auf dem Kunstspielplatz, konsolidierte. Es war eine schöne Entscheidung.

Gisela Wrede hat sich Gaildorf angeguckt, ehe sie sich zur Bewerbung entschied - es war übrigens die einzige, die sie abgeschickt hat. "Du steigst am Bahnhof aus", erzählt sie, "du siehst keinen Menschen, nur eine geschlossene Kneipe mit Fußball-Devotionalien an den Fenstern. Du läufst eine lange Straße entlang bis du zum Marktplatz kommst, du fragst im Reisebüro nach einer Übernachtungsmöglichkeit, es wird telefoniert und eine halbe Minute später kommt der Löwenwirt Dieter Rieg ums Eck gestochen."

Sie blieb zwei Nächte, schaute die Stadt an, fand nicht den Weg zum Kernerturm, fotografierte und wurde von Nikolaos Sakellariou, der damals hoffte, Gaildorfs nächster Bürgermeister zu werden, um ihre Stimme gebeten. Sie traf zufällig Heike Walter, die sie von Berlin kennt - einmal im Jahr läuft man sich dort über den Weg, sagt Gisela Wrede. Sie verguckte sich ins Fachwerk. Sie bestückte eine Seite mit Gaildorf-Fotos, auf denen kein Mensch zu sehen ist, legte sie zu ihrer Bewerbungsmappe und schickte sie ab. Die Jury war erbaut.

Geboren ist Gisela Wrede in München, aufgewachsen in Aschaffenburg und gemalt hat sie immer. Sie ging nach Berlin und studierte Germanistik und Theaterwissenschaften an der Freien Universität. Sie wechselte zur Universität nach Bremen, belegte das Fach Visuelle Kommunikation und nahm parallel ein Kunststudium bei Wolfgang Schmitz an der Bremer Hochschule für Bildende Künste auf. Die Kunst rückte nach vorne: Seit 2001 lebt und arbeitet Gisela Wrede als freischaffende Künstlerin in Berlin. Ihren Lebensunterhalt bestreitet sie mit ihrer Kunst, als Texterin für Galerien und als Verkäuferin von Künstlerbedarf. Vertreten wird sie von der 2003 gegründeten "a.i.p.galerie".

Zeichnen ist Gisela Wredes Art, sich ihre Umgebung anzueignen. Ihre Malerei ist abstrakt, ohne unmittelbaren Bezug zu ihrer Umgebung, die dennoch in ihre Bilder hineinwirkt: Die Bild-Komposition, der Rhythmus der Farben und Formen, entstammen nicht dem Nichts. Zwei großformatige Malereien hat Gisela Wrede bereits fertiggestellt. Zwei kleinere Formate lehnen an der Wand - "so lange, bis sie mir sagen, dass sie fertig sind". Einstweilen zeichnet sie den Fotografen. RICHARD FÄRBER | 15.02.2016

 

Arbeitsplatz mit Skizzenblock, Kaffeetasse, Notizen. Die Zeichnung zeigt den Hochgeschwindigkeits-Pianisten Nico Brina, der kürzlich in der Gaildorfer Kulturkneipe Häberlen gespielt hat.

Gisela Wrede: Ohne Titel . Öl auf Leinwand, 120 x 120, 2015

 

Text und Foto: RICHARD FÄRBER | 29.04.2016

Zeichnen, Malen, Klexographie: Tag der offenen Tür bei Stadtmalerin Gisela Wrede

Seit Januar lebt und arbeitet die Berliner Künstlerin Gisela Wrede im Alten Schloss in Gaildorf. Am kommenden Wochenende öffnet die 16. Gaildorfer Stadtmalerin ihr Atelier für das Publikum.

 Die Zeit zeigt Wirkung. Vier Monate nachdem Gisela Wrede ins Alte Schloss gezogen ist, kann sie bereits ein beträchtliches Gaildorf-Oeuvre vorweisen. Und ja, es hat sich was geändert in ihrer Kunst: Das Limpurger Land färbt ab. Gisela Wrede guckt gerne aus dem Fenster und wandert viel. Sie war im Häberlen und im Cartys und hat einige beeindruckende Konzerte gehört, sie hat im Belinda in Sulzbach/Murr die Gäste gezeichnet und beim Kronenfasching in Fichtenberg die Närrinnen und Narren. Die Ausbeute dort war allerdings gering, weil sie irgendwann von einem Gast im Sträflingskostüm erwischt wurde und fortan auf Bestellung zeichnen und die Zeichnungen dann auch herausrücken musste: „Souvenir de Kronenfasching“. Die anderen Zeichnungen und auch etliche Ölgemälde kann man sich am Samstag und Sonntag anschauen, wenn sie zum Tag der offenen Tür in ihr Atelier einlädt.

Architektur und Landschaft zeigen Wirkung

„Manche Leute glauben, eine Zeichnung müsse wie eine Fotografie sein“, sagt Gisela Wrede und blättert in ihrem Zeichenbüchlein. Ihre Bleistift- und Ölkreidezeichnungen sind eher Skizzen und Studien, je reduzierter der Strich, umso besser. Es geht ihr auch nicht um die möglichst genaue Abbildung eines Motivs, sondern um das Festhalten des Momentes. Wrede spielt auch und experimentiert, insbesondere wenn sie Landschaften zeichnet. Diese Zeichnungen enthalten Auslassungen; mitunter kippt auch die Perspektive, weil entfernte Motive kräftiger gezeichnet sind als der Bildvordergrund.

Die Zeichnungen sind der Humus, aus denen Gisela Wredes Gemälde wachsen. Die aus Aschaffenburg stammende, in Berlin lebende Künstlerin malt abstrakt: frei und ungebunden in der Wahl von Farben und Formen und ohne abbildende Absicht. Dennoch erzählen ihre Bilder von ihrem Aufenthalt in Gaildorf und auch von ihr selbst.

Sie verwende neue Farben, sagt Gisela Wrede, sie entdecke in ihren Bildern neue Formen, wiederkehrende Elemente, die sie bisher nicht gemalt habe, radikale Reduktionen – manche Bilder bestehen nur aus wenigen Flächen. Die vom Fachwerk geprägte Architektur, die Art und Weise, wie Gaildorf in die Landschaft hineinwachse, das alles wirke sich auf ihre Malerei aus.  Sie werde diese Verbindung zwischen Zeichnung und Malerei auch durch die Titel verdeutlichen, sagt Wrede. Dass sie, statt rein abstrakt zu malen, vom Gegenständlichen abstrahiere, sei durchaus auch für sie etwas Neues.

Auch der Geist von Justinus Kerner spukt in einigen ihrer Bilder. Gisela Wrede war dabei, als kürzlich der Bronzeguss des Kerner-Kopfes enthüllt wurde, den ihr Künstlerkollege Dirk Pokoj geschaffen hat. Der Arzt und Dichter Justinus Kerner (1786 – 1862), der einst auch in Gaildorf lebte,  hat die Klexographie erfunden, den Klappdruck, mit dem aus Tintenflecken vielsagende Bilder gepresst werden und an dem sich nun auch die Stadtmalerin versucht. Lange vor dem Rorschachtest hat Kerner diese „Urbilder“ entdeckt und gleichsam vorausschauend als Fenster zur Seele erkannt. Gedichtet hat er auch dazu: „Aus Dintenflecken ganz gering / Entstand der schöne Schmetterling / Zu solcher Wandlung ich empfehle / Gott meine fleckenvolle Seele“.

 

Gisela Wrede bereitet einen Tag der offenen Tür in ihrem Atelier vor. 

IRMTRAUD KOCH | 06.05.2016

Skizzen hoch vom Turmfenster - Gaildorfer Stadtmalerin beeindruckt Besucher

Rund 40 Kunstfreunde nutzten das vergangene Wochenende für einen Besuch bei Gisela Wrede: Die 16. Gaildorfer Stadtmalerin hatte ihr Atelier geöffnet.

IRMTRAUD KOCH | 06.05.2016

Im Laufe der Jahre ist das Stadtmaler-Atelier im Alten Schloss selbst zur Sehenswürdigkeit mutiert: Herabtropfende Farben haben Fußboden und Mobiliar zu einem pointillistischen Gesamtkunstwerk vereinigt. In schönem Kontrast dazu stehen die weißgekalkten Wände und die seit 2013 – der Ära Anastasiya Nesterovas – mit Buttermilch weißmattierten Fenster, die die Außenwelt optisch aussperren und – auch dank des durch sie gefilterten Lichtes – den Räumen etwas in sich Gekehrtes, Stilles verleihen.

Passender Rahmen für die maßvoll an den Wänden verteilten Arbeiten Gisela Wredes: Farbige Skizzen mit Ölkreide, dazu bis über 1,5 Quadratmeter große Ölgemälde. Den Zusammenhang zwischen Skizzen und Gemälden wird die Künstlerin ihren Besuchern noch erklären. Der Rundgang beginnt jedoch bei einem Tisch mit Narrenporträts – blitzschnelle Tusche-Skizzen vom letzten Fasching.

Gemalt hat Gisela Wrede schon immer abstrakt. Dabei ging es ihr nie um die Darstellung von Emotionen, sagt sie, sondern um – in ihrer Vorstellung nicht bis zum Letzten ausformulierte – Visionen von Flächen, Formen und Farben und deren Ausbalancieren auf der Leinwand. Was nicht immer sofort zu ihrer Zufriedenheit gelingt: „Nicht selten gehen da erst fünf Farbschichten drauf und auch wieder runter.“

In Gaildorf fing sie nun an – so weit ihr Blick von den Fenstern ihrer Turmwohnung aus reicht – Aspekte des Reellen zu skizzieren und daraus ihre Abstrakten zu entwickeln. Zum Skizzieren verwendet sie die Rückseite von Zielscheibenkartons von 17 mal 17 Zentimeter, die sie in Stapeln beim benachbarten Händler erworben und im Turmdomizil auf allen Fensterbänken gelagert hat.

Wie der Weg zur Skizze und von der Skizze zum Gemälde verlaufen kann, erläutert Gisela Wrede ihren Besuchern anhand von Beispielen. Unter anderem sei einmal, gerade als sie morgens um halb Fünf aus dem Fenster schaute, die Beleuchtung im Schaufenster der Metzgerei Wieland angegangen. Das habe sie gezeichnet. Die Künstlerin zeigt die entsprechende Skizze, auf der sie einen horizontalen rötlichen Lichtstreif im Dunkel spärlicher Gebäudeumrisse festgehalten hat. Und sie zeigt das Ölbild, in dem eben dieses Motiv seinen Niederschlag fand.

Ein anderes Beispiel ist das große Kirgel-Gemälde, dem ein ganzer Prozess skizzenhaften Metamorphosierens vorausging. Die Künstlerin betont jedoch, dass sie auch noch andere Arbeitspläne habe: Bei besserem Wetter wolle sie mit einem ihrer Skizzenbücher  per Rad und zu Fuß den Wald erkunden, der ihr von ihrer hohen Warte aus am Horizont beinahe allgegenwärtig erscheine.

Die Gaildorfer Stadtmalerin Gisela Wrede  mit Skizze und Bild der Metzgerei Wieland. Die Künstlerin hatte morgens um halb fünf beobachtet, wie im Schaufenster das Licht anging.

IRMTRAUD KOCH | 28.09.2016

    16. Stadtmalerin Gisela Wrede stellt in der  Kulturschmiede Häberlen aus

„Hier“ nennt Gisela Wrede ihre Ausstellung in der Kulturschmiede, in der sie an Hand von Zeichnungen die Zwischenbilanz zieht von ihren protokollarischen Studien über Gaildorf

Gaildorf sei für sie eine Art Mikrokosmos, in dem sie selbst mitagiere, stellt die für ein Jahr aus Berlin zugereiste 16. Stadtmalerin Gisela Wrede fest. Gerade weil es hier weniger kulturelle Möglichkeiten gebe, erlebe sie für sie Ungewöhnliches und Bewusstseinserweiterndes: Gisela Wrede nimmt an vielen Veranstaltungen rund um Gaildorf teil und protokolliert zeichnend, was sie sieht. In ihrer Ausstellung „Hier“ zeigt sie, in großen Sammelrahmen thematisch geordnet, eine Auswahl aus ihren wohl hunderten in Gaildorf entstandenen Zeichnungen in Ölkreide, Bleistift  und Tusche mit Feder sowie Japanpinsel.

Ihre abstrakten Bilder in Öl brachte sie, bis auf ein kleineres rundes Gemälde, nicht mit. Und so konnte bei der Vernissage Martin Zecha angesichts der Skizzen von Reellem reinen Herzens mit Don McLean singen: „Now I understand what you tried to say to me“, zu deutsch: „Jetzt verstehe ich, was du mir sagen wolltest“. Dazu griff er – notabene gemeinsam mit der  Künstlerin, die ein wahres Multitalent ist – kundig in die Saiten seiner Gitarre, bevor er ihr in Prosa und mit Sachverstand Elogen machte.

Vor allem Wredes farbige Skizzen in Ölkreide als Fensterblicke aus ihrer Turmwohnung haben es Zecha angetan: Auf der Rückseite von beigen Schießscheibenkartons (beige ermöglicht das Setzen weißer Akzente) hat die Stadtmalerin, mit Reduktion experimentierend und mit Umkehrung der Perspektive spielend, das alte Rathaus und andere Häuserfronten rund um den Marktplatz gezeichnet, dazu die evangelische Kirche, das Frasch-Mausoleum und diverse Kirgel-Landschaften.

In anderen Rahmen gruppierte die Künstlerin  blitzschnell mit Tusche und Bleistift eingefangene Porträt-Skizzen und Momente: von Masken auf der Fichtenberger Weiberfasnet, Konzerten im Wurmbrandsaal und Auftritten von Bands in der Kulturschmiede. Unter dem Titel „Gaildorfer Politik und Festkultur“ vereinte sie Kopfstudien, die sie während Stadtratssitzungen und der Wirtschaftsmesse von Beteiligten angefertigt hat. Und – schneller geht’s nicht – auf dem Ottendorf-Eutendorf-Fest fing sie per Japanpinsel sogar fliegende Bungeespringer ein.

Bei der Zeichnung muss, da im Gegensatz zur Malerei nicht korrigiert werden kann, jeder Strich sitzen. Wrede erklärt dazu: „Zeichnen ist ein unmittelbarer Akt und daher für den Betrachter stärker nachvollziehbar. Linien sieht man an, ob sie schnell oder langsam gezogen wurden. Dazu kommt: Weicher Bleistift gibt Skizzen einen anderen Charakter mit als feinlinige Tuschestriche.“

Auch zwei Klecksografien enthält die Ausstellung, eine Hommage an Justinus Kerner, der, als er beinahe erblindet war, dank häufiger „Tintensäue“ – zunächst unbeabsichtigte Kleckse auf dem Papier, die er als Buch veröffentlichte –  zum Erfinder der Klecksografien wurde.

Das kleine, abstrakte Ölgemälde soll – so Zecha – den Appetit auf die Abschiedsausstellung Wredes am 20. November  anregen. In anderer Hinsicht darf man ebenso gespannt sein: Nicht nur mit Bildern, auch mit Texten hat die vielseitige Künstlerin ihr Jahr in Gaildorf protokolliert.

  Gaildorf    Ursula Richter | 26.10.201

Auf der Suche nach Balance

Die Gaildorfer Stadtmaler arbeiten ein Jahr lang für die Stadt – und für sich. Aktuell berichtet Gisela Wrede über sich, ihr Leben und ihre Kunst.

 

Ihre Werke standen im Mittelpunkt. In einer Präsentation zeigte Gisela Wrede am Montagabend eine Vielzahl von Aufnahmen ihrer Zeichnungen und Gemälde. Sie veranschaulichen einen der beiden Arbeitsschwerpunkte, die sie sich gesetzt hat. Sie malt abstrakt und sie zeichnet konkret.

In der Malerei „versuche ich auf dem Bild eine Balance zu finden“, erläutert die Künstlerin. „Manchmal habe ich einen gegenständlichen Anlass, beispielsweise den Kirgel, den ich sehe, wenn ich aus dem Fenster schaue. So entstehen Landschaftsassoziationen. Dann male ich abstrahierend.“

Protokolle einer Recherche

In ihrer abstrakten Arbeit versucht sie, eine eigene Bildsprache zu finden. Die gegenwärtigen Werke „sind Protokolle einer Recherche, Befragungen des Mittels“. Dabei experimentiert die Malerin mit akkurat gezogenen Kanten, lasierend aufgetragener oder tropfender Farbe oder überträgt den Effekt des Überdruckens bei Holz- und Linolschnitten. Wie viel kann man weglassen? Wie wenig Farbe braucht das Bild? Das sind aktuelle Fragestellungen, mit denen sie sich befasst.

Der andere Arbeitsschwerpunkt, der 1968 in München geborenen Stadtmalerin, ist die Zeichnung. „Ich habe schon immer gezeichnet.“ In der Kindheit und dann in Aschaffenburg, wo sie aufgewachsen ist, später an ihrem Studien- und Wohnort Berlin und jetzt in Gaildorf: „Ich erkunde zeichnend meine Umgebung.“ Sie geht auf Dorffeste, zu Gemeinderatssitzungen, auf Blueskonzerte. Sie verwendet Tuschestifte, kann also nicht radieren. Es entstehen mit geübter Hand Miniaturen mit filigranen Elementen, Ausschnitte aus dem beobachteten Leben.

„Ich habe schon immer gezeichnet und ich zeichne überall.“
- Gisela Wrede, Stadtmalerin Gaildorf

Es sind immer Personen, die sie einfängt und charakterisiert. Für sie ist Gaildorf „neuer und verwirrender als Barcelona. Ich wusste gar nicht mehr, dass es das gibt. Ein verregneter Sonntagnachmittag. Und es ist überhaupt nichts los.“ Die Abwesenheit der Großstadtwelt verschafft ihr eine „meditative Konzentration.“

Ihr Stil hat sich modifiziert, die Farbigkeit der Bilder stark verändert. Die Struktur der Fachwerkhäuser fließt in ihre Arbeit ein. Das alles wird die Öffentlichkeit bei ihrer Stadtmalerausstellung sehen. „Unser Bürgermeister“, sagt sie, unterbricht sich und lacht, „ich sage schon: unser Bürgermeister! Er vergisst nie zu erwähnen, dass da auch der Weihnachtsmarkt stattfindet.“

  Gaildorf    Richard Färber | 12.11.2016

Gaildorf

Die Stadt, die Kunst und die Zeit

Gisela Wrede kommt zum Ende: Die 16. Gaildorfer Stadtmalerin bereitet ihre Abschlussausstellung vor. Das Jahr in der Provinz, sagt sie, habe sie und auch ihre Kunst verändert.

Die 16. Gaildorfer Stadtmalerin sucht ein Bild. Gisela Wrede kruschtelt hektisch durch die beiden Atelierräume im Alten Schloss, blättert durch die Leinwände, die an den Wänden lehnen und stolpert fast über eine der beiden Fotolampen, die sie für Margit Kern aufgestellt hat. Die Haller Fotografin hilft bei der Bestandsaufnahme: Sämtliche Öl-Malereien, die in diesem Jahr in Gaildorf entstanden sind, werden professionell fotografiert. Bis zur Abschlussausstellung soll der Katalog fertig sein. Kennengelernt und gleich verstanden haben sich die Fotografin und die Malerin bei Gisela Wredes biografischem Vortrag an der Haller Akademie der Künste. Es gibt auch schon Skizzen von Margit Kerns Hauskater.

„Einen Moment hatte ich wirklich gedacht, ich hätte ein 150 Zentimeter großes Bild verschlampt“, sagt Gisela Wrede. Ihr ist eingefallen, dass sie das gesuchte Werk bereits in die Galerie hinaufgetragen hat, um zu sehen, ob sie damit durch die Tür kommt. Das Bild ist ihr wichtig, es ist quasi ein Gaildorf-Konzentrat. Die Stadtmalerin malt abstrakt, aber „nicht ohne Quellen“, wie sie betont. Die Farben, Formen und Strukturen beruhen auf Eindrücken, Erlebnissen und Emotionen, der Schaffensprozess ist eine Mischung aus Kalkulation und Intuition.

Die Quellen mancher Elemente kann sie später wieder herleiten, andere waren von vornherein verweht – aber als Gedächtnisstützen sieht Gisela Wrede ihre Bilder ohnehin nicht. Sie können für sich betrachtet oder eben nach Alltagseindrücken durchsucht und durchforstet werden: hier eine Fachwerkstruktur, da die Farben der Jahreszeit, in der das Bild entstanden ist, dort ein Gebäudegrundriss oder eine Straße von oben.

Häufig seien auch Landkarten in den Bildern verborgen, sagt sie. Gemeint ist freilich nicht, was man sich gemeinhin unter Landkarten vorstellt, gemeint ist Bewegung: Die Bilder enthalten Eindrücke von Gisela Wredes  Rund- und Erkundungsgängen, sie fassen  ihre Anwesenheit an den unterschiedlichsten  Orten zusammen – oft, sagt sie, stecken unter einem Bild noch zehn andere.

Es ist ihre Art, sich zurechtzufinden. Als Gisela Wrede als Künstlerin nach Berlin zog, erkundete sie die Stadt per U-Bahn, fleckenweise sozusagen – sie sah die Stadt nur ausschnittsweise, wenn sie ausstieg und ans Tageslicht kletterte, der Rest blieb unberührt und unentdeckt. Zu Hause malte und skizzierte sie ihre Eindrücke, „das, was mir wichtig war“, und schuf sich so ihr eigenes Berlin-Porträt, lückenhaft, subjektiv, aber auch Stück für Stück genauer und fundierter.

In Gaildorf machte sie es nicht anders. Sie ging umher und schaute, schürfte sich rein, konstruierte und korrigierte lustige Irrtümer, füllte 20 bis 30 Skizzenbücher, lernte eine völlig neue Welt und auch sich selbst neu kennen. Und sie gewöhnte sich an, regelmäßig aus dem Fenster zu schauen und stets die gleichen Motive zu zeichnen. „Zeichnen lernen, heißt sehen lernen“, betont die Künstlerin; das stets gleiche Motiv in den Blick zu nehmen, schärfe den Sinn für Details und Veränderung.

Verändert hat sich vieles in ihrem Gaildorfer Jahr. Und manches hat sie schwer überrascht: „Ich habe das Gegenteil von dem erfahren, was man eigentlich erwarten würde, wenn man von der Großstadt in das kleine Gaildorf kommt“, sagt Gisela Wrede. Die vermeintlich langweilige Provinz habe sich als positiver Gegenentwurf zur wuseligen Großstadt entpuppt.

Welchen Kontrast sie meint, wird in einer kleinen Zeichnung deutlich, die der Perspektive nach am Fenster der Stadtmalerwohnung entstanden ist. Sie zeigt von schräg oben vier Leute, die beieinanderstehen und sich unterhalten. „Die Leute in Gaildorf bilden Kreise und sprechen miteinander“, sagt Gisela Wrede. Und die Kreuzberger  tun das nicht. In Gaildorf sitze sie mit der Friseurin, dem Malermeister, dem Bestatter, dem Trödelsammler, dem Revoluzzer, dem Anwalt und dem Stadtrat in der Kneipe an einem Tisch, und die hätten vielleicht grundverschiedene Ansichten, „aber sie sprechen alle miteinander“. In Kreuzberg bleibe man unter sich: Leute mit gleichen Ansichten, gleichen Bekannten, gleichen Zielen – „und alle lesen die taz“. Wenn man ihr ein Weilchen zuhört, kommt einem Berlin richtig langweilig vor.

Die langweilige Provinz, meint Gisela Wrede, biete Möglichkeiten, die zu nutzen ihr in Berlin nicht im Traum eingefallen wäre. „Ich war in einem Besen, ich war bei der 925-Jahr-Feier von Eutendorf-Ottendorf, ich geh zur Stadtkapelle und hör Blasmusik. Normalerweise sehe ich das nicht, und deshalb erlebe ich es auch nicht.“ Und das alles sei auch in ihre Bilder eingeflossen. Wenn ihr Stadtmalerjahr endgültig vorbei ist und sie wieder ihren Kreuzber­ger Alltag lebt, dann will sie diese Bilder dort zeigen. Sie sei gespannt, ob sie dem Berliner Publikum mit ihren Bildern etwas über Gaildorf mitteilen könne.

In ihrem Atelier hat sie jetzt noch ein anderes Bild gefunden. Es ist das erste Ölgemälde, das sie in Gaildorf geschaffen hat. Es ist großformatig, enthält schmutzig-bräunliche Strukturen, grelle und weniger grelle Flächen. „Da steckt noch viel Berlin drin“, sagt sie. Außerdem fehlt was: „Ich bin noch nicht zufrieden damit.“ Sie wird sich nochmals dranmachen. Entweder. Dann wird man es während ihrer Abschlussausstellung anschauen können. Oder sie packt es weg.

 Irmtraud Koch | 25.11.2016

Stadtmalerin präsentiert Ausstellung „Reflektionen“

In abstrakten Gemälden, in Zeichnungen und Texten fand das Gaildorfer Jahr der Gisela Wrede seinen Niederschlag.

Ein Scheunentor, eine gelbe Hauswand, wo genau, ist nicht wichtig. Während ihrer Streifzüge und Recherchen in Gaildorf und Umgebung hat Gisela Wrede Eindrücke gesammelt – Farben, Formen, Strukturen –,  die direkt oder über den Weg einer Zeichnung den Impuls zu Gemälden gaben.

Meist verlieren diese ersten Ansätze ihr Eigenleben im Malprozess, der sich auf der Suche nach spannungsvoller Komposition verselbstständigt. Hinterher – zum eigenen Erstaunen der Künstlerin (und zur Erleichterung vieler Betrachter) – sind da und dort doch noch Spuren des Reellen im abstrakten Konzept erkennbar: Gebäudeumrisse, Fachwerk, das Blockmuster von Feldern, Wald, der Kocher, gar Klecksografie à la Kerner.

„Da kann jeder machen, was er will, und kämpfen mit sich selbst.“
- Martin Zecha, Laudator

Das ist Gaildorf, wie diese Stadtmalerin es sieht: die Summe der für sie interessanten Teile wiegt mehr als das Ganze. Berlin im Fokus führe zu ganz anderen Resultaten, betont sie. „Reflektion“ mit k nennt Wrede ihre Ausstellung. Mit dem an sich korrekten x weise das Wort nach ihrem Geschmack zu sehr in Richtung von Physik, während sie selbst auf die Doppelbedeutung des Reflektierens hinziele, im Sinne des Nachdenkens über die Funktion aktueller abstrakter Kunst und der Wiedergabe und Umwandlung des Wahrgenommenen.

Auf der Vernissage trachtete Martin Zecha als Laudator Wredes Malerei einzubetten in die über 100 Jahre alte, bewegte Geschichte der abstrakten Kunst von Wassily Kandinsky bis zum Heute. „Da kann jeder machen, was er will, wie er will und kämpfen mit sich selbst, um spannungsgeladene Harmonie zu finden.“ Nur kurz – da sie schon in der Kulturschmiede Häberlen vorgestellt worden waren – hielt sich Zecha bei den Zeichnungen auf, die Wrede auf Veranstaltungen und mit Blick aus ihrer Turmwohnung skizziert hatte.

Sogar schreibend hat die Stadtmalerin Protokoll geführt. Bei der Ausstellungseröffnung überraschte Gisela Wrede die Besucher mit dem Vortrag dreier kurzer Texte, die nun in der Ausstellung ausliegen: über den Ort und seine Bewohner, über das Alte Schloss und über den Gasthof zum Löwen (in dem sie ihre erste Nacht im Ort verbrachte).

Nach dem bürgermeisterlichen Gruß Frank Zimmermanns, in dem die zahlreichen Besucher zu ihrem Kommen beglückwünscht wurden, gab es mit „Alberta“ und „Lawdy, Miss Clawdy“ Blues vom Feinsten von Werner Eichele (Piano) und dem „Joe Cocker von Gaildorf“ Bernhard Fürter (Gesang). Zecha hatte sie angekündigt als „Members of the oldest Blues Boygroup in this area“ – Perpetuum Mobile eben.