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  RICHARD FÄRBER | 14.01.2015

Frank Zimmermann begrüßt Jeong Eun Lee als 15. Gaildorfer Stadtmalerin

Seit dem 6. Januar lebt eine neue Stadtmalerin im Alten Schloss in Gaildorf. Jeong Eun Lee stammt aus Korea, lebt und arbeitet in Hamburg. Nun sammelt sie erste Eindrücke vom Limpurger Land.

Der Gaildorfer Bürgermeister Frank Zimmermann hat gestern die 15. Gaildorfer Stadtmalerin offiziell begrüßt. Zu dem Treffen im noch leeren Atelier im Alten Schloss waren auch Gemeinderat Martin Zecha und Malermeister Rolf Deininger gekommen, der sich traditionell um die Stipendiaten kümmert und ihr bereits beim Umzug von Hamburg nach Gaildorf geholfen hat.

Es gab keine großen protokollarischen Umstände: Jeong Eun Lee (sprich: Tschong Un Lie) hat nun für ein Jahr freie Hand, zu tun und zu lassen, was sie will - insofern genügte es dem Empfangskomitee auch zu erfahren, dass ihr das Atelier gefällt und dass sie sich in der Stadtmaler-Wohnung im Alten Schloss sehr wohl fühlt.

Ein Bild hat sie mitgebracht, es hängt an der Wand des Ateliers und zeigt eine dunkle Fläche mit Blattstrukturen - "Frost" laute der Titel, korrigiert Jeong Eun Lee den Betrachter, der benannt hat, was er sieht: Laub. Die kleine Episode enthält bereits eine Aussage zu Jeong Eun Lees Kunst, die sich im Spannungsfeld zwischen Wahrnehmung und Erinnerung bewegt.

Gaildorf erinnert Jeong Eun Lee an Korea

Nun, am Anfang ihres Jahres in Gaildorf geht es vor allem um die Wahrnehmung: Sie sammle Eindrücke, sagt sie, sie zeichne, mache Notizen und Fotografien, drehe Videos, suche Kontakte. Dass die Landschaft um Gaildorf, anders als in Hamburg, recht hügelig ist, gefällt ihr - es erinnere sie an das bergige Korea, ihr Zuhause. Der Blick aus dem Fenster der Stadtmalerwohnung auf die Stadt und ihre Umgebung sei herrlich.

Auch dass Gaildorf ein umtriebiges Städtchen ist, hat sie erfreut zur Kenntnis genommen. Am Samstag hat Jeong Eun Lee das Konzert von Mike Sponza und seiner Band im Häberlen besucht und war platt: "Ich finde es erstaunlich, dass hier so viel los ist." Ähnlich ging's wohl auch schon ihren Vorgängerinnen und Vorgängern, von denen sie einige bei der Eröffnung der Abschlussausstellung der 14. Stadtmalerin Karin Brosa im November kennengelernt hat.

Konkrete Pläne hat Jeong Eun Lee noch nicht. Sie werde wohl viel zeichnen und malen, sagt die Künstlerin. Feldforschung betreiben, könnte man wohl auch dazu sagen - so wurde jedenfalls anlässlich der Ausstellung "Expedition in den Alltag", die sie 2008 in Hamburg gezeigt hat, ihre Vorgehensweise bezeichnet. Das Reisen, das Unterwegssein spielt dabei eine große Rolle, das Erlebnis des Neuen und Fremden und der Umgang damit, die Reflektion, die künstlerische Umsetzung. Nicht um Sensationen und exotische Attraktionen gehe es dabei, sondern um das Festhalten dessen, was die Zeit unweigerlich verschlingen wird.

Sie erzähle auch Geschichten, sagt Jeong Eun Lee, schließlich lebe sie in einer. Und die spielt seit dem 6. Januar in Gaildorf.

 

RICHARD FÄRBER | 06.02.2015

Das leise Murmeln der Dinge

Der Ausflug beginnt hinter dem Atelier. Die Tür öffnet sich zu einem großen Treppenhaus, dahinter erstreckt sich ein Flur mit kariösem Bretterboden, zur Seite fliehen Zimmerruinen voller Schutt, Malereien und rätselhafter Symbole, hier und da muss man auf den nackten Balken balancieren. Kabel hängen an den Wänden, Tapetenreste. Jeong-Eun Lee sieht Schönheit und Geschichten.

Das Treppenhaus führt zu einer Etage mit noch mehr leeren Räumen und weiter hinauf unters Dach, wo's finster ist und man sich auf schwankendem Boden unsicher fühlt. Jeong-Eun Lee geht einen Gang entlang, nimmt noch ein paar Stufen und steht vor einer Tür, einer "Geheimtür", die in die "Stadtmalerwohnung" führt. Eine andere Treppe führt zu den Räumen der ehemaligen Ateliergemeinschaft im Alten Schloss und wieder hinunter zum Atelier und zum anderen Treppenhaus und das alles ist sehr labyrinthisch, sehr unlogisch und sehr, sehr schön.

Einen Schlossgeist soll's auch geben, hat Jeong-Eun Lee gehört, sie weiß aber nicht, ob er wach ist, ob sie ihn geweckt hat oder ob er überhaupt geweckt werden sollte. Die Tür zum Atelier jedenfalls verriegelt sie lieber, wenn sie mal wieder einen Ausflug ins Gemäuer unternommen hat. Ein bisschen unheimlich sei es nämlich schon, sagt sie.

Malerei und Zeichnung, Fotografie, Video, auch Objektkunst sind die Techniken, mit denen Jeong- Eun Lee arbeitet. Dabei ist sie eine ausgewiesene Romantikerin. Nicht im Sinne einer schwärmerisch-schwelgenden Romantik, sondern im Sinne einer Romantik, die danach trachtet, das Wesen der Dinge zu erkennen. Dass sie nun für ein Jahr in einem alten Schloss wohnen und arbeiten darf, empfindet Jeong-Eun Lee als großes Glück.

Romantisch ist es natürlich auch. In der Epoche der Romantik stehe die Darstellung von Burgruinen sinnbildlich für das Vergängliche, sagt sie. Zugegeben: das Alte Schloss in Gaildorf ist keine Ruine im Wortsinn. Es wäre aber auf dem Weg zu diesem Zustand, wenn man nicht kontinuierlich restaurieren, sanieren, investieren würde. Die Vergänglichkeit atmet aus allen Räumen, Fluren und Treppenhäusern, aus Gemäuer, Schutt und Balken. Jemand war hier, vor Jahrhunderten vielleicht, hat hier gearbeitet, gewohnt, gelebt, geliebt und Spuren hinterlassen.

Also sieht Jeong-Eun Lee eine Aufgabe, gestellt vom Geist im Gemäuer: vergangenes Leben aufspüren, Alltagsreste entdecken, die von längst vergessenen Menschen hinterlassen wurden, sich Geschichte aneignen. Daraus, schreibt sie in einer Konzeptionsskizze, gelte es dann eine Arbeit zu entwickeln, die über das rein Dokumentarische hinausweist - "es muss sich dann herausstellen, welche Botschaft diese Dinge transportieren, ich muss versuchen, das leise Murmeln der Dinge zu etwas Vernehmbarem zu verstärken".

Jeong-Eun Lee - der Name wird Dschong Un Lie ausgesprochen - wurde 1969 in Südkorea geboren. Sie studierte Kunst in Seoul und ging dann nach Deutschland. Viele junge koreanische Künstler ziehe es nach Europa, berichtet sie. Sie habe erfahren wollen, wie und was dort gelehrt wird. Die Grundlagen und mehr brachte sie mit: Künstlerische Techniken waren wesentliche Inhalte des Studiums in Südkorea, selbst den Leim für die Leinwände lernte sie herzustellen. "Das ist gut", sagt Jeong-Eun Lee, "dann kann man's nämlich."

Ihre erste Station war Hannover. Sie kam an, schrieb sich ein und reiste wieder ab - es galt, einen Kontinent zu entdecken, zu zeichnen, zu fotografieren, Menschen kennenzulernen. "Ich habe eine völlig neue Welt vorgefunden", sagt Jeong-Eun Lee, die seit 2004 als freischaffende Künstlerin arbeitet. Und: "Was man in der Schule oder in der Hochschule lernt, reicht nicht. Man lernt durch Anschauung, durch Kontakt, durch Kommunikation." In Hannover studierte sie übergangsweise für vier Jahre und ging dann nach Hamburg zu dem Beuys-Schüler Klaus Böhmler.

Die Kunst ist ihr Zentrum, gelebt hat sie während des Studiums von Jobs. Jeong-Eun Lee arbeitete in Küchen, in der Altenpflege, in einer Großdruckerei. Als Student hast du viele Vorteile und bist überdies flexibel, erklärt sie, prädestiniert für die schnellen Jobs also, schnell rein, schnell raus, fürs Leben reicht's und angespart werden Erfahrungen.

Acht Jahre lang hat Jeong-Eun Lee bei Klaus Böhmler studiert. Sie ließ sich die Zeit, die sie benötigte, um sich zu entwickeln, und sie nimmt sich diese Zeit immer noch. Ihre Kunst resultiert aus ihrer Wahrnehmung, sie ist nicht Abbild, sondern Echo. Das Kunstwerk steht am Ende jenes Prozesses, der die eigentliche Kunst ausmacht. Es ist ein fortlaufender Prozess, ein Lebenskunstwerk, das endlos wächst und bei ihr bleiben soll. Sie verkauft ihre Arbeiten nicht gerne.

Teile davon waren unter dem Titel "Expedition in den Alltag" in Hamburg zu sehen: 60 Zentimeter lange Kiefernstäbe, die zu Flächen gefügt und mit Acryl bemalt werden. Die verschleiert wirkenden Bilder zeigen Landschaften und Städte, die Jeong-Eun Lee bereist hat. Auf unbemalte Flächen werden Videos projiziert, die sie aus fahrenden Zügen aufgenommen hat, und von Landkarten und Stadtplänen, auf denen Finger herumdeuten. Im "Off" hört man die Menschen erzählen, was sie dort erlebt haben beziehungsweise was sie erinnern.

Erinnerung ist ein weiterer zentraler Begriff in Jeong-Eun Lees Kunstverständnis. Die Wahrnehmung wird durch Erinnerung mehrdimensional, ergänzt durch Informationen, Assoziationen, Geschichten, durch die verstreichende Zeit. "Ich thematisiere in meiner Arbeit das Erinnern als Phänomen, wie Wahrnehmung zur Erinnerung und dadurch zu einer Vorstellung von der Realität wird." Jetzt geht sie durch Gaildorf, durch die Landschaften des Limpurger Landes, durchs Alte Schloss und sammelt. Jeong-Eun Lee zeichnet, schreibt, fotografiert, filmt, und daheim im Atelier erinert sie sich und lauscht . . . "Wahrscheinlich werde ich viel malen", sagt sie.

 

Ein Besuch in der Malküche der Gaildorfer Stadtmalerin Jeong-Eun Lee

Hammer, Spannzange, Lineal und Tacker gehören zu ihren Werkzeugen. Wie, wo und woran sie arbeitet, das wollte Stadtmalerin Jeong-Eun Lee den Kunstfreunden zeigen - und öffnete ihr Atelier.

BRIGITTE HOFMANN | 04.05.2015

"Kocherboote" mal anders: Ein hölzernes Boot, beschriftet mit guten Wünschen von Atelier-Gästen, will Jeong-Eun Lee flussabwärts schicken. 

Eine steile Treppe führt hinauf und eine unscheinbare Tür hinein ins Stadtmaler-Atelier im Gaildorfer Alten Schloss. Der Zahn der Zeit nagt an Wänden und Böden in diesem Teil des viele Hundert Jahre alten Gebäudes. In den Räumen aber ist es hell, heimelig und warm. Jeong-Eun Lee hat ihre Küche für Besucher geöffnet, es ist angerichtet: Teller mit garnierten Häppchen, dazu Sekt, Wein oder Tee. Einige Gäste sind da, auch Freunde, andere gesellen sich im Lauf des Nachmittags dazu. Sie sollen einen Einblick bekommen in die laufenden Arbeitsprozesse und sehen und erfahren, was in den vergangenen vier Monaten hier entstanden ist.

Mit den Menschen ins Gespräch kommen, das ist der große Wunsch der sympathischen und mit einem herzlichen und aufgeschlossenen Wesen ausgestatteten Künstlerin. Allerdings will Jeong-Eun Lee gar nicht ihre Kochkünste präsentieren, sondern das zeigen, was sie in ihrer Malküche zubereitet hat und welche Zutaten sie verwendet. Dazu gehören Holz, Papier, Stifte, Pinsel und tausend andere Utensilien. Und was auf keinem Tisch liegt, aber vorhanden ist: Ein gutes Auge, eine eigene Sichtweise, ein feines Gespür für Details und großes Erinnerungsvermögen.

Mit der Kamera auf Streifzug durch die Region

Es sind die ganz alltäglichen und eher unscheinbaren Dinge und die Geschichten dahinter, die die Stadtmalerin faszinieren. So entstehen ausdrucksstarke Zeichnungen und Gemälde. Teils mit feinen Strichen auf Papier oder mit verwässerter Acrylfarbe auf aneinander gereihte Holzstäbe gebracht. Sie zeigen das Alte Schloss aus unüblichen Perspektiven, den Gaildorfer Stadtbahnhof, den Kernerturm oder ein romantisches Gässchen in Schwäbisch Hall. Häufig auch nur wenige, aber stimmungsvolle Details. Erst durch Wahrnehmung entstehe ein Kunstwerk, sagt die Künstlerin, die Betrachter sind ein Teil dieses Kunstwerks.

Gern begibt sich Jeong-Eun Lee mit ihrem Fotoapparat auf Streifzug durch die weite Flur. Die dabei entstandenen Bilder, Erinnerungen an Irgendwo, werfen Projektoren an die Wand im Atelier. Einer verbirgt sich sogar hinter einer verschlossenen Tür und täuscht vor, dass das Wasser des Kochers sanft durch die Sprossenfenster fließt. Dazu erklingt eine melancholische, fast meditative Melodie. Den sieben Minuten dauernden Film, der sich laufend wiederholt, hat Stephan Weißflog, der Ehemann der Stadtmalerin, einfühlsam vertont. Er lebt und arbeitet in Hamburg, teilweise auch künstlerisch, ist aber an vielen Wochenenden im Limpurger Land mit seiner Frau unterwegs. Dann genießen sie die Natur, staunen über ihre Entdeckungen. An diesem Tag aber freuen sie sich über interessierte Gäste, die sie in ihrer Werkstatt, oder wie man diese Räume sonst nennen mag, begrüßen dürfen.

BRIGITTE HOFMANN | 04.05.2015

"Das weite Land - Erinnerungen": Jeong-Eun Lee bereitet ihren Abschied vor

"Wahrscheinlich werde ich viel malen", hat Jeong-Eun Lee gesagt, als sie ins Alte Schloss zog. Nun ist ihr Jahr als Gaildorfer Stadtmalerin fast vorbei. Am 22. November wird ihre Abschlussausstellung eröffnet.

RICHARD FÄRBER | 07.11.2015

 

Zur Erinnerung: Im Februar wurde der frühere Gasthof "Lamm" in Gaildorf abgerissen, um Platz für das neue Ärztehaus zu schaffen. Jeong-Eun Lee hat den Abriss auf einem ihrer Friese dokumentiert. Privatfoto

"Zeitarchive" nennt Jeong-Eun Lee ihre Friese aus Holzstäben, die sich zu langen Reihen fügen. Sie sind mit stark verdünnter, schwarzer Acrylfarbe bemalt, freie Stellen dienen als Projektionsfläche für Videosequenzen. Die Bilder und auch die Videos haben dokumentarischen Charakter: sie zeigen, was ihr vor die Augen kam, woran sie sich erinnern wird, sie beinhalten ihre Stimmungen und Gedanken - und sie wecken Stimmungen und Gedanken bei den Betrachtern.

Sie versuche, dem Prozess des Erinnerns eine bildnerische Form zu verleihen und das Wesen der Zeit in eine optische Erscheinung zu fassen, schreibt Jeong-Eun Lee in ihrer Ausstellungsankündigung. "Die Landschaft fließt vorbei, verwandelt sich ständig oder verschwindet. Was bleibt, sind unsere Erinnerungen, eine - im übertragenen Sinne - Landschaft unserer Erinnerung, ein uns vertrautes Terrain. Durch ständige Veränderungen, durch die Konfrontation mit immer neuen Eindrücken, wird die Erinnerung für den Menschen zu einem wichtigen Rückzugsort - zu einer inneren Heimat."

Für die Gaildorfer, die anspruchslos seit vielen Jahren Künstlerinnen und Künstler in ihrem Alten Schloss beherbergen (und heimlich immer auf künstlerische Verewigung hoffen), ist diese 15. Stadtmalerin ein Idealfall. Diese ernsthafte, im Erkenntnisdrang der Romantik gründende Auseinandersetzung mit der Wahrnehmung von Stadt, Land und Leuten hat es in der langen Geschichte der Gaildorfer Stadtmalerei so noch nicht gegeben.

Nummer 15 kommt aus Korea. 1969 in Seoul geboren hat Jeong-Eun Lee zunächst in Soul, später Hannover und dann in Hamburg studiert, wo sie heute noch lebt. Ihre Zeit als Gaildorfer Stadtmalerin begann im Januar und wird im Dezember enden. Im August nahm sie mit einer Videoinstallation an der 9. Kunst-Biennale in Schwabach teilt. Aktuell stellt sie auch im Soma-Museum, dem Seoul Olympic Museum of Art in Korea aus.

Und natürlich im Häberlen. Dass die Stadtmaler sich vor ihrer Abschlussausstellung bei der Kulturschmiede präsentieren, hat bereits Tradition. Jeong-Eun Lee zeigt dort zusammen mit ihrem Partner Stephan Weissflog die Ausstellung "Gaildorf - Hamburg - Seoul".

Sie habe, so Jeong-Eun Lee, während ihrer Zeit als Stadtmalerin für ihre Friese nicht nach touristischen Sehenswürdigkeiten gesucht, sondern Motive gewählt, in denen sie Geschichten entdeckt habe. Bei ihrer Abschlussausstellung, die den Titel "Das weite Land - Erinnerung" trägt, wird man beispielsweise eine verlassene Tankstelle sehen, einen nicht mehr genutzten Wasserhochbehälter, einen umgestürzten Baum bei Fichtenberg, stillgelegte Gleise, wartende Menschen an einem Bahnsteig und das ehemalige "Lamm" während des Abrisses.


Auch die Aktion "Kocherbote" gibt’s als Videosequenz

Die Videosequenzen tragen Titel wie "Fließende Landschaften", "Stadtlabyrinth" oder "Baum am Kocher im Wandel der Jahreszeiten". Auch die Aktion "Kocherbote" mit Gaildorfer Bürgern wird als Videodokument gezeigt.

Hinzu kommen zahlreiche Natur- und Landschaftsbilder aus der Gaildorfer Umgebung, gemalt auf Leinwand, Holz oder Papier. Weitere Motive fand sie im normalerweise nicht zugänglichen Teil des Alten Schlosses, die Bilder kombiniert sie mit Fundstücken aus dem Schloss. Ein größerer "Werkkomplex" entstand auf der Grundlage historischer Fotos. Jeong-Eun Lee hat sie in "andeutende, skizzenhafte Malerei" übertragen.

  • Zusatzinfo

Die Ausstellung

Vernissage Jeong-Eun Lee: "Das weite Land - Erinnerung". Die Abschlussausstellung der 15. Gaildorfer Stadtmalerin in der Galerie im Alten Schloss wird am 22. November, 17 Uhr, von dem Gaildorfer Bürgermeister Frank Zimmermann im Wurmbrandsaal eröffnet. Zur Einführung spricht Dr. Armin Panter vom Hällisch-Fränkichen Museum in Schwäbisch Hall. Musik und Tanz: Young-Soon Lee, Qwi-Rea Hauke, Stuttgart. Die Ausstellung kann bis zum 20. Dezember samstags und sonntags von 14 bis 17 Uhr besichtigt werden.

RICHARD FÄRBER | 07.11.2015

15. Gaildorfer Stadtmalerin Jeong-Eun Lee zeigt ihre Abschlussausstellung

So viel Landschaft und so viele Erinnerungen gab's selten in der Galerie im Alten Schloss. Am Sonntag wird dort die Abschlussausstellung von Jeong-Eun Lee, der 15. Gaildorfer Stadtmalerin, eröffnet.

RICHARD FÄRBER | 21.11.2015

 

Gemalt hat sie und gezeichnet, und zwar so viel wie noch nie zuvor in ihrem Künstlerleben. Jeong-Eun Lee, 15. Gaildorfer Stadtmalerin, zeigt ab Sonntag in der Galerie im Alten Schloss die Ernte eines produktiven Jahres: Acryl-Malerei und Zeichnungen vor allem, aber auch Videos sowie einige Balken und eine alte Tür mit Fensteröffnung, die sozusagen als Guckloch ins Alte Schloss dient, wo sie seit Januar gewohnt und gearbeitet hat.

175 Bilder wird Jeong-Eun Lee unter dem Titel "Das weite Land. Erinnerung" zeigen. In der langen Reihe der Gaildorfer Stadtmalerei ist das, wenn man's denn unbedingt sportiv sehen möchte, möglicherweise ein Rekord. Allerdings ist Jeong-Eun Lee nicht angetreten, um Rekorde zu brechen, sondern um Neues zu erleben, um Bilder und Geschichten zu finden, die sie bewahren möchte. In Hamburg, wo sie normalerweise lebt, gebe es auch viele Motive, sagt sie, sie seien aber alltäglich. In Gaildorf und der näheren und weiteren Umgebung hingegen sei ihr "alles neu" gewesen: neue Menschen, neue Freunde, neue Landschaften - eine neue Stadt mit einer langen Geschichte, die neu erkundet werden wollte. "Gaildorf", sagt sie, "ist nicht langweilig."

Mitgebracht und fortgesetzt hat Jeong-Eun Lee ihre "Zeitarchive", die sie im Willo-Rall-Raum aufgebaut hat. Es handelt sich um eine Endlos-Galerie, aus bemalten Holzstäben, die stetig wächst. In Jeong-Eun Lees Gaildorfer Jahr kamen Impressionen aus Gaildorf und der näheren Umgebung hinzu, farblos-durchscheinend gemalte Acrylbilder, die ein wenig an verblichene Tuschezeichnungen erinnern.

Interessant ist aber vor allem die Motiv-Wahl, die ein tiefschürfendes Interesse verrät: der Abriss des ehemaligen Lamm in Gaildorf ist gleich mehrfach zu sehen, die Stuttgarter Bahnhofbaustelle, der Durchgang beim Rössle, ein Blick auf Gaildorf vom Kernerturm.

Freie Flächen nutzt Jeong-Eun Lee für Videoprojektionen: schnell aufeinanderfolgende Schnappschüsse, die, begonnen beim letzten Gaildorfer Pferdemarkt, den Jahresablauf dokumentieren. Gegenüber ist eine Karte zu sehen mit Händen und Fingern, die auf Straßen und Orten deuten - und aus dem Off erzählen körperlose Stimmen, nicht immer auf Deutsch, von ihren Erlebnissen an diesen Orten.

Viele der Bilder, die Jeong-Eun Lee in den sechs Galerieräumen zeigt, wirken verschwommen, nichts ist so fixiert, dass man es als genaues Abbild sehen könnte. Oft, etwa wenn auf Holz gemalt wurde, scheint die Maserung durch und erzeugt gleichsam eine Bewegung im Bild. Ähnliche Effekte finden sich auf den Acrylbildern, die Jeong-Eun Lee auf Nesseloberflächen gemalt hat. Es sind meisterliche Impressionen von Bäumen und Blättern, von Licht und Schatten und glitzernden Wasserflächen - "ich wollte das Licht malen", sagt Jeong-Eun Lee. Der Ort, an dem diese Bilder entstanden sind, spielt eigentlich keine Rolle mehr - auch wenn Jeong-Eun Lee jedes Bild verorten kann.

Ein weiteres Element der Ausstellung sind historische Motive. Jeong-Eun Lee hat alte Gaildorf-Fotos als Vorlage gewählt, Gesichter und Körperhaltungen studiert, Ausschnitte gewählt, in denen sie etwas fand, das sie interessierte, und sie in Malerei verwandelt. Männer, die Karten spielen etwa, ein Erstklässler "ohne Zuckertüte", ein Sandbagger im Kocher, Frauen bei der Arbeit - es sind die Erinnerungen anderer, die nun die ihren geworden sind.

Und jetzt? "Nehm' ich alles mit nach Hause und heb's auf", sagt Jeong-Eun Lee und lacht - tatsächlich sind alle Bilder verkäuflich. Konkrete Pläne hat sie nicht, aber sie ist überzeugt: Die Idee wird kommen.

Einstweilen ist sie dankbar: der Stadt, den neu gewonnenen Freunden, insbesondere der Familie Baum und der Familie Genccik, die ihr auch beim Aufbau der Ausstellung geholfen hat. Und etwas ausgesät hat die 15. Stadtmalerin auch: Emine Genccik war oft im Atelier zu Besuch und hat gemalt.

RICHARD FÄRBER | 21.11.2015

Expeditionen in den Alltag

Die Gaildorfer bescherten ihrer Stadtmalstipendiatin Jeong-Eun Lee bei der Abschlussausstellung einen vollen Wurmbrandsaal. Unter den Gästen waren zahlreiche lokale Künstler und Stadtmalerkollegen.

GB | 25.11.2015

Schöne Kontraste: Young-Soon Lee und Qwi-Rea Hauke tanzen zur Vernissage von Jeong-Eun Lees Ausstellung "Das weite Land. Erinnerungen" vor den Schenkenporträts im Wurmbrandsaal. Fotos: Gerlinde Burkhardt

Schöne Kontraste: Young-Soon Lee und Qwi-Rea Hauke tanzen zur Vernissage von Jeong-Eun Lees Ausstellung "Das weite Land. Erinnerungen" vor den Schenkenporträts im Wurmbrandsaal. Fotos: Gerlinde Burkhardt

Stephan Weissflog im Gespräch mit Kyoko und Armin Panter.

Stephan Weissflog im Gespräch mit Kyoko und Armin Panter.

Der Haller Museumsleiter Armin Panter fasst die Stationen von Jeong-Eun Lee kurz zusammen: Seoul, Hamburg, Gaildorf. 1969 geboren in Seoul, studierte die Koreanerin dort. Dann folgte freie Kunst in Hamburg, Stipendien und zahlreiche Preise im In- und Ausland.

Panter war sichtlich angetan vom Gaildorfer Alten Schloss mit seinen Galerieräumen und dem Stadtmalerprojekt. Beides fehle Schwäbisch Hall. Ob sie in Gaildorf einen Kulturschock bekommen habe, fragte er Lee. "Nein!" Sie sei eingetaucht in ihre neue Heimat, habe beobachtet, Spuren gesammelt. Zuerst in den Räumen des Alten Schlosses, dann "Expeditionen in den Alltag" unternommen.

Das Ergebnis sind zahlreiche Exponate in unterschiedlichen Genres. Klein- und großflächige Malerei in Acryl, Aquarell und Tusche, Video- und Holzinstallationen. Sie sind teilweise miteinander verwoben, durchscheinend auf gemasertes Holz, Leinwand, Nessel und in der Manier alter, koreanischer Buchkunst auf Holzstäbe in Form eines erweiterten Wandfrieses gemalt.

Vertonungen dazu hat ihr Ehemann Stephan Weissflog, ebenfalls Künstler, komponiert. Neu in Gaildorf sei, dass die Künstlerin ein Archiv aus alten Fotografien angelegt habe. Daraus entstanden Bilder, auf denen "Figuren schemenhaft aus der Erinnerung aufzutauchen scheinen". All dies in den Räumen für die Ausstellung von der Künstlerin selbst inszeniert. Ein Unterschied zum einfachen Aufhängen, wie Dirk Pokoj von der IG Kunst selbst miterleben konnte.

Bei seiner Begrüßung bat er Bürgermeister Frank Zimmermann, dass die Stadt weiterhin das Stadtmalerprojekt fördert. Der Schultes versicherte dies bei seinem Grußwort nachdrücklich. Zimmermann lobte die Ehrenamtlichen der IG Kunst und weckte Interesse für die Bilder im "Spannungsfeld zwischen Wahrnehmung und Erinnerung". Schon als "Running Gag" sei sein Aufruf bekannt, dass der Künstler nicht vom Lob alleine lebe, wobei die Stadt mit gutem Beispiel vorangehe und auch von Jeong-Eun Lee ein Werk erwerbe.

Die Künstlerin konnte bei der Vernissage gar nicht genug Erinnerungsfotos mit neuen Freunden machen. Nähe war spürbar. Kurzlebig wie die vorbeifliegenden Bilder und Videos, blass wie die schemenhaften, schon verblichenen Impressionen von Menschen.

Doch in anderen Bildern gibt es auch Stabiles, in sich Ruhendes, das die Hoffnung Frank Zimmermanns, Jeong-Eun Lee möge Gaildorf verbunden bleiben, schürt. Die koreanischen Tänzerinnen Young-Soon Lee und Qwi-Rea Hauke aus Stuttgart drückten dies eindrücklich tänzerisch aus: schnell vorbeifliegende Bewegungen und anmutiges Innehalten.

GB | 25.11.2015  

Jeong-Eun Lee (2.v.l.) mit Ausstellungsbesucherinnen aus Korea.

Jeong-Eun Lee (2.v.l.) mit Ausstellungsbesucherinnen aus Korea.